Konzertkritiken

 

Glanzlicht in Westerland: Händels „Messiah“ in St. Nicolai

Zweieinhalb Stunden in nicht ganz durchgeheizter Kirche, und doch keine Sekunde langweilig oder zu viel: minutenlanger Beifall im Stehen von über dreihundert beeindruckten, begeisterten Menschen zeigte am Sonntagabend in der Stadtkirche an, das gerade ein großartiges Konzert zu Ende gegangen war! G. F. Händels „Messias“ kam zur Aufführung, und zwar auf englisch, als „Messiah“, in der Sprache, in der der geniale Zeitgenosse Bachs sein Werk verfasst hat. Nur wenige Tage übrigens soll er dafür gebraucht haben – kaum zu glauben angesichts des ungeheuren musikalischen Reichtums, den dieses Werk bietet. Rezitative, Arien, Duette und große Chorpartien wechseln sich ab. Kein Oratorium im engen Sinne hat der Komponist geschaffen, sondern anhand von ausgewählten biblischen Zitaten beider Testamente die Heilsgeschichte des Christusglaubens nachgezeichnet: in den über vierzig Einzelkompositionen wuchtig, ergreifend, spielerisch, erschütternd und fröhlich… Die Uraufführung fand vor 375 Jahren in Dublin statt; seither ist das große Werk unzählige Male geboten worden; vor Jahren auch in Westerland am selben Ort, doch, so scheint mir, diesmal mit noch größerer Strahlkraft als 2009!

Das lag natürlich zuallererst an den Ausführenden, dem Mitteldeutschen Kammerorchester etwa, das auf der Insel inzwischen gut bekannt ist. In eigentlich recht kleiner Besetzung mit Konzertmeister Prof. Andreas Hartmann spielte es als perfekter Klangkörper auf, der in wunderbarer Reinheit und Einfühlung dem Dirigenten folgte. Auch die Solisten boten hervorragende Klasse: so etwa Felix Rumpf aus Dresden als kraftvoller, tragender Bass. Holger Marks aus Berlin gab eine strahlende und gerade in schwierigen Teilen vielfach ergreifende Partie im Tenor; Susanna Frank (Bonn) überzeugte durch warmen, einfühlenden Alt, ganz besonders in den leisen, zarten Stücken. Einmal mehr genoss das Publikum natürlich auch die Kunst der Berliner Sopranistin Martina Rüping, vielleicht die bekannteste des Solistenquartettes: ihre Passagen strahlten vor Brillanz, Ausdruckskraft und Musikalität.

Und wieder war es die Kantorei St. Nicolai, die, unterstützt von einigen Aushilfen, einmal mehr bewies, wozu sie in der Lage ist: mit großem gesanglichem Engagement und der Bereitschaft, sich führen zu lassen bot sie eine Interpretation des Händeloratoriums, die sich im ganzen Land hätte hören lassen können – Ergebnis und Lohn monatelanger Probenarbeit!

Doch was wäre eine musikalische Darbietung von fast hundert Menschen ohne den, der aus vielen Eines macht? Martin Stephan bewies einmal mehr, dass er wie ein Magier die Fäden so vieler unterschiedlich Musizierender in den Händen halten und daraus ein Ganzes, Rundes machen kann – und wie! Die vielen Spannungsbögen des komplex komponierten Werkes wurden von ihm sehr fein ausdirigiert; die alten, z.T. nicht eben leicht verständlichen Texte gewannen dadurch oft plastische, fühlbare Gestalt und farbige Interpretationen. Auch gelang es dem Dirigenten immer wieder, mit präzisen rhythmischen Akzentuierungen einzelnen Abschnitten tänzerische Leichtigkeit zu verleihen, die einem spätbarocken Klangbild sehr angemessen war. Und dann erst der Höhepunkt des ganzen Oratoriums: das berühmte „Halleluja“ der Auferstehung am Ende des zweiten Teils! Wer es von Beginn an als lautes Fortissimo aller Beteiligten kennt, wurde in Stephans Interpretation in rührender Weise eines Besseren belehrt: wie wunderschön klingt es, wenn es, einer Stimmung am Ostermorgen entsprechend, mit zurückhaltender, suchender Zärtlichkeit angestimmt wird, um erst dann allmählich zu dem strahlenden Triumphgesang zu werden, als der es gemeint ist!

Das Publikum ging berührt, tief erfüllt und dankbar nach Hause. Ich denke, es hat einen selten so guten, vielleicht den diesjährigen Höhepunkt des wahrhaft reichen Musiklebens auf Sylt erlebt!

Christoph Bornemann

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